Spaziergangs Forschung

Strollology? Promenadologie? Schonmal gehört? Klingt fast nach Parodie, ist aber tatsächlich eine anerkannte wissenschaftliche Disziplin. Sie stellt viele Fragen über die Beziehung zwischen Menschen, die spazierengehen, und der Welt, durch die sie gehen. Besonders spannend finde ich, dass die Spaziergangswissenschaft ganz neue Methoden entwickelt hat, um beim Spazierengehen neue Verbindungen, engere Beziehungen, zwischen Menschen und Nicht-Mensch herzustellen.

Lat. „spaziare“ bedeutet: „sich räumlich ausbreiten“. Altenglisch „wealcian“ und proto-germanisch „walkan“ hängen mit Tret- und Springbewegungungen durch einen Raum zusammen.

Warum tun Menschen dieses „Spazieren“, dieses „Walken“? Warum gehen sie von einem Platz zum anderen?

Der Schriftsteller Norton Juster schreibt, dass der wichtigste Grund sei, weil man sehen will, was zwischendurch passiert. Daran hätten die Menschen jahrtausendelang richtig viel Freude gehabt. Irgendwann entdeckte jedoch irgendwer, dass, wenn man nicht rechts und links kuckt, man sehr viel schneller an seinem Ziel ankommt. Nun interessierte sich niemand mehr dafür, wie alles aussah. Je schneller sich Menschen bewegten, desto schmutziger und scheußlicher wurde es rechts und links der Wege. Und das führte widerum dazu, dass sie sich noch schneller zu ihrem – schönen – Ziel bewegten.

Ein Spaziergang hat also mit der Bewegung, der Erkundung, eines „schönen“ oder interessanten Raumes rechts und links eines Weges zu tun.

Vor allem städtische Bewohner*innen gehen gerne bei schönem Wetter durch eine schöne Naturlandschaft, sie erholen sich dabei. Das ist auch oft der Sinn des Spazierengehens, die Erholung vom Nicht-Spazierengehen ….

Was ist denn ein wirklich schöner Spaziergang?

Seit 1976 haben der Soziologe Lucius Burckhardt und die Objektkünstlerin Annemarie Burckhardt-Wackernagel systematisch und künstlerisch erforscht, was eine Landschaft eigentlich „schön“ macht und was Sprache und Bewusstsein mit dieser Idee einer schönen Landschaft zu tun hat. Sie stellten fest, dass es eigentlich gar keine „schönen“ Landschaften

Der Spaziergangsforscher Lucius Burckhardt und sein Team haben herausgefunden, dass solche schönen Landschaften, durch die wir immer wieder gerne spazieren, eigentlich nur in unserem Kopf existieren. Sie stellten sich Fragen wie : Was sehen wir, wenn wir spazieren? Nehmen wir nur das wahr, was wir ohnehin schon kennen? Wo beginnt die Landschaft, die wir als schön empfinden? Und welche historischen Bedingungen und kulturellen Muster erschaffen überhaupt ‹Schönheit›?

Viele Spaziergänge später stand fest: Wir merken uns einzelne Sinneseindrücke von dem, was wir bei der Bewegung durch einen Raum wahrnehmen. Es sind einzelne Bilder eines Spaziergangs, subjektive „Perlen“. Diese Bilder, schöne Bilder, setzen wir dann zu einer „schönen“ Spaziergangslandschaft zusammen. Eine andere Person, die in diesem Raum beispielsweise beruflich unterwegs ist, sieht ganz andere Dinge, vielleicht nicht unbedingt eine schöne Landschaft, sondern Arbeit, die sie zu erledigen hat.

Das bedeutet, dass wir im Prinzip jede beliebige Wegstrecke in unserem Kopf zu einer schönen Strecke zusammensetzen können, wenn wir den Fokus auf bestimmte Aspekte des Wegesrandes lenken oder aus ungewohnter Perspektive auf das Gewöhnliche schauen. Und es bedeutet, dass wir auch darauf achten sollten, dass wir unsere Umgebung so gestalten, dass wir sie als „schön“ empfinden. Schönheit ist kein Selbstzweck, Schönheit hat etwas damit zu tun, ob wir, wie oben erwähnt, unsere Spaziergänge durchs Leben, unseren Alltag genießen wollen und können. Daher befasst sich die Spaziergangswissenschaft intensiv mit Bürgerbeteiligung und menschen- und naturfreundlicher Stadtplanung.

Wie also müssen wir dem Bewohner der Metropole die Natur darstellen? Denn die Natur selbst sieht er nicht.

Lucius Burckhardt, Finnissage „walks & views“

Spaziergangswissenschaft in der Nature Walk Praxis

Auch das Paradise.Lab nutzt Methoden der Spaziergangswissenschaft, die entwickelt wurden, um in allen Räumen, auch in „häßlichen“ oder „schmutzigen“, „kaputten“, „normalen“, spazieren gehen zu können. Zu diesen ganz neuen Methoden gehören zum Beispiel der Dialog, die Kombination von Texten mit Objekten und Orten oder die Fokussierung auf bestimmte Objekte am Wegesrand. Auf diese Weise gelingt es, Audio Walks zu entwickeln, die nicht an bestimmte Orte gebunden sind, sondern an einem sardischen Strand ebenso funktionieren wie mitten in Oslo.

Nature Walks helfen dir unter anderem durch solche soziologischen, promenadologischen Impulse, deine „Perlen“ entlang eines Weges zu finden oder mental zu erschaffen, Perlen, die sich am Ende zu einem schönen, erlebnisreichen Spaziergang zusammensetzen.

Literatur

  • Lucius Burckahardt: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft. Herausgegeben von Markus Ritter und Martin Schmitz. Martin Schmitz, Berlin 2006,
  • Lucius Burckhardt: Die Kinder fressen ihre Revolution. Wohnen – Planen – Bauen – Grünen. Herausgegeben von Bazon Brock. DuMont, Köln 1985
  • Noah Regenass, Markus Ritter, Martin Schmitz (Hrsgg.): Lucius Burckhardt: Landschaftstheoretische Aquarelle und Spaziergangswissenschaft. Martin Schmitz, Berlin 2017

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