Novemberwalk: Bretagne im Herzen

Einer meiner Novemberwalks befasst sich mit der Bewegung der kraftvollen Naturenergie nach innen. Bäume ziehen die wichtigsten Elemente des vergangenen Jahres in ihre Äste, Baumstämme und Wurzeln. Alles, was sie benötigen, um kommende kalte und dunkle Zeiten zu überleben, ist unsichtbar. Nährstoffe und die Erinnerung an den Sommer befinden sich nun in ihrem Inneren. Ich selber folge in diesem Walk der Bewegung der Natur und ziehe jetzt alles, was ich im Sommer an Wärme und Licht und Farben eingesammelt habe, nach innen und bewahre es dort auf, um mich bei passender Gelegenheit gemeinsam mit anderen daran zu erfreuen.

Deswegen teile ich jetzt mit dir einen Sommerspaziergang, vielleicht beamt er auch dich an einem kalten Novembertag mitten in den bretonischen Sommer.

am rande des meeres

Bretagne, Küstenweg Grande Randonnée 34, ein stürmischer Sommertag. Ich bleibe stehen und setze mich zum Meerfenchel auf die Felsen. Er wohnt in engen Spalten zwischen den riesigen Felsblöcken, die die raue Küste vor den Fluten und Stürmen des Atlantiks beschützen. Über dem Pflänzchen brechen sich täglich die Wellen, salzige Gischt umspritzt ihn, die Luft schmeckt nach Sauerstoff und Jod. Im Sommer brennt die Sonne auf den kleinen Felsbewohner, im Winter bieten ihm auch große Felsblöcke kaum Schutz vor eiskaltem Wind und der wilden Meeresbrandung. Und doch, genau hier, in dieser extremen Umgebung, wohnt der Meerfenchel (Crithmum maritimum).

Einfach mal dazusetzen. Und atmen. Und schauen. Auf das weite Meer, den Rhythmus der heranrauschenden und sich zurückziehenden Wellen, auf die vielen Seevögel, die im Sand nach Würmern und Krebsen picken, und auf das Spiel der windgetriebenen Wolken.

Mein Blick fällt auf den Meeresfenchel neben mir, ein sukkulentenartiges Pflänzchen, das in geselligen Horden zwischen den Felsen sitzt und mit seinen Blütenköpfen knapp über die Felskanten schaut. Die schmalen, festen Blätter mit ihren fiederartigen Verzweigungen und der kleinen Spitze wachsen eher unten an der Pflanze, oft von Felsritzen geschützt. Ich strecke die Hand aus, um den Meeresfenchel zu berühren, seine Haut fühlt sich dick und ganz glatt an, mit grünsilbrigem, wachsartigen Überzug, knackig-festen Blättern und prallen, oft verzweigten Stängeln. Wenn ich mir ein ein Stückchen abbreche, steigt mir sein intensiver Duft in die Nase, fenchelig, salzig und herb, und so schmeckt das Blättchen auch. Nach Meer, Wind und Wellen.

So sitze ich in diesem Sommer oft im Zuhause des Meerfenchels auf den Felsen herum und höre dem Meer zu, beobachte die Vögel im Wind und atme die Aromen des Meeres.

Und dann wollte ich mehr wissen über ihn … welche Geschichten erzählt man sich an den Küsten über ihn, was weiß die aktuelle Forschung?

Zeitreisen mit meerfenchel

Crithmum wächst seit Menschengedenken an den Rändern des Mittelmeeres. Und die Menschen waren von ihm schon immer total begeistert.

Die antiken Griechen haben den Meerfenchel genau beobachtet, denn sie nannten ihn Krithmon oder Krithamon nach seiner Frucht, die aussieht wie ein Gerstenkorn (griech. krithe = Gerste). Sobald sie reif ist, umhüllt die Mutterpflanze diese Meerfenchel-„Gerste“ mit einer Art Schwimmring. Schwimmende Meerfenchelkörner trägt das Meer dann mit sich hinaus und bringt sie an weit entfernte Küstenregionen. So kann der Meerfenchel nicht nur in seiner sicheren Felsennische am Meer sitzen, sondern sich auch hineinfallen lassen und einmal im Leben auf den Wellen reiten. Von seiner ursprünglichen Heimat am Schwarzen Meer und Mittelmeer, bei den Griechen, gelangte er so über die französischen Küsten des Atlantiks bis hoch in den kalten Norden nach England und Schottland. In der Bretagne werden überall an der Küste Felsen und Steine an den Küsten platziert, um den tosenden Atlantik zumindest eine Weile davon abzuhalten, immer größere Stücke der Küste abzubrechen. Zwischen diesen Steinen findet sich oft der Meerfenchel und trägt mit seinen Wurzeln ebenfalls zur Befestigung der Küsten bei.

Im schutz des meerfenchels

Früher nahmen arme Seeleute den Krithmon mit auf ihre Reisen übers Meer. Sie wussten, dass er sie vor der bei Seefahrern gefürchteten Vitamin C Mangelkrankheit Skorbut bewahren kann. Dieses Wissen geriet irgendwann in Vergessenheit, die moderne Forschung hat mittlerweile aber entdeckt, dass Krithmon vollgepackt ist mit energiereichen Vitalstoffen. Er enthält neben reichlich Vitamin C, Vitamin A und E, auch Mineralstoffe wie Jod und Kalzium, Antioxydantien, essentielle Fettsäuren und vieles mehr. Das ist eigentlich klar, denn wer an einem solchen extremen Ort gedeihen will, braucht besondere Strategien, um sich vor Zellschäden durch intensive UV Strahlung zu schützen und mit wenig Süßwasser in praller Sonne problemlos klarzukommen.

Dass der widerstandsfähige Meerfenchel sogar starke Heilkräfte besitzt, war auch ohne Wirkstoffanalyse bereits in der Antike bekannt. Der antike griechisch-römische Arzt Pedanios Dioskurides widmete dem Meerfenchel im 1. Jhd. nach Christus ein ganzes Kapitel in seiner berühmten Materia medica, einem der wichtigsten Arzneimittel-Handbücher über viele Jahrhunderte hinweg. Hier ein Auszug aus dem Meerfenchel-Kapitel:

Dioskurides, Materia Medica, Zweites Buch, Kapitel 156

Als Heilmittel in Wein gekocht wird das aromatische Krithmon heute vermutlich nur noch selten, aber in den Küchen der Küstenbewohner*innen ist es immer noch als besondere Spezialität eine beliebte Beilage und Vorspeise. Es gibt überall dort, wo der Meerfenchel wächst, hauseigene und lokale Rezepte zum Einlegen in Öl, zum Konservieren mit Essig und Salz oder für Salate. Selbst in den Souvenirläden finden sich hübsch verzierte Gläschen als leckeres Andenken an die freien Tage am Meer. Das ist mittlerweile ein so gutes Geschäft, dass Meerfenchelpflücker auf Mallorca bis zu 1200€ für 400kg gesammelten Meerfenchel erhalten! Um die wertvolle Küstenschutzpflanze nicht durch rücksichtsloses Sammeln auszurotten, wie das in England streckenweise der Fall war, darf das fonoll marí in Mallorca nur vor der Blüte geerntet werden. Es gibt mittlerweile auch kultivierten Meerfenchel, der auf Feldern speziell für kommerzielle Zwecke angebaut wird.

Name: Crithmum maritimum
Gattung: Crithmum
Familie: Doldenblütler (Apiaceae)
Kultur: sonnig, trocken, bedingt frostfest, ausdauernd

Falls du den Meerfenchel gerne persönlich kennenlernen magst, musst du nicht ans Meer reisen. Die Pflanze wächst auch in deinem Garten, wenn du ihr einen vollsonnigen Platz gibst. Besonders nette Gärtner*innen gönnen ihr für ein bisschen Meeresfeeling ab und an eine ordentliche Salzwasserdusche! Man könnte ihr auch Meeresrauschen vorspielen, wer weiß, viellicht mag sie das ja?

Meerfenchel forschung

In modernen wissenschaftlichen Laboratorien wurde aber noch etwas entdeckt: Crithmum ist ein wahres Wundermittel für die Haut. Es enthält viele bioaktive Komponenten, u.a. antioxidative Chlorogensäure, hohe Anteile an Flavonoiden, Carotinoiden, Fettsäuren und ätherischen Ölen (antimikrobiell). Diese Pflanzenstoffe schützen also nicht nur die glatte Haut des Crithmum maritimum, sondern wirken ebenso auf menschliche Haut regenerativ und schützend. Crithmum kann sogar den Kollagenfasergehalt in der Haut erhöhen!

Das weiß auch die Kosmetikindustrie, sie bewirbt Meerfenchel bereits als Anti-Aging-Wundermittel und vermarktet Cremes mit entsprechenden Auszügen. Was in diesen Cremes natürlich fehlt, ist das gemeinsame Sitzen am Meer als regenerative Zutat.

Am letzten Tag meiner Felsenbesuche bekam ich ein paar Zweige von der Pflanze.

Daraus habe ich in meinem Alchemistinnen-Lab einen Auszug hergestellt, der wässrige und öllösliche Stoffe der Pflanze enthält. Dieses Öl leuchtet intensiv grün und duftet fein fenchelig-herb. Die Haut fühlt sich nach dem Auftragen ganz glatt und samtig an. Was für ein wundervolles Geschenk!

Das Auftragen des Öls erinnert mich an die feste straffe und widerstandsfähige Haut des Meerfenchels und die innere Ruhe beim Besuch an seiner Felsenritze. Es erinnert mich an das wilde Toben des Atlantiks, die salzige Luft in der Bretagne, die brennende Sonne und die Fähigkeiten des weitgereisten Crithmons, die Grenze zwischen Land und Meer zu beleben.

Ich freue mich schon jetzt, ihn im nächsten Sommer wiederzusehen. Wer weiß, vielleicht begegnest du ihm ja auch einmal, oder holst in dir in deinen Garten?

Ist dir das Krithmon schon einmal begegnet? Oder hast du dich im Urlaub mit einer anderen anderen, ganz besonderen Pflanze angefreundet?

Schreibe mir gerne in den Kommentaren!

Literatur

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